Du bist was Du liest

Du liest was Du bist

Ich scrolle mich durch mein Facebook Feed und stoße auf diese Aussage:

„Instagram. Der Ort, wo Mädels mit 5 Kilo Make-up, aufgespritzten Lippen und Wimpernextensions Dir erzählen, dass Du Dich so lieben sollst wie Du bist.“

Ach ja, „dieses Social Media“…

In meinem direkten Umfeld erlebe ich immer mehr Frustration wenn es um das Thema geht. Kunden erwarten magisch hohe Verkäufe und sind dann enttäuscht, wenn sie nach drei Wochen mehr oder weniger regelmäßigem Posten noch keine Millionäre sind.

„Normale“ User sind genervt von „diesen Influencern“ und gefühlt ist jeder mit irgendwas unzufrieden und irgendwie frustriert. Warum genau? So richtig lässt sich das auch nicht in Worte fassen.

„Der blöde Algorithmus zeigt meine Bilder nicht an.“

„Die Conversion sinkt.“

„Auf Facebook ist sowieso niemand mehr.“

„Irgendwie ist alles doof. Wann kommt denn die nächste Plattform?“

Puh, im Jammern sind wir ja wahre Weltmeister! Während andere nach wie vor gutes Geld mit YouTube, Instagram & Co. verdienen, gibt es eine wachsende Unzufriedenheit a la „Das funktioniert doch alles nicht mehr.“

Aber ich verrate euch mal was: Genauso ging es mir Ende vergangenen Jahres auch. Mein Facebook-Feed war voll mit irgendwelchen Blogger-Gruppen, in die ich vor Jahren eingetreten bin und mit denen ich mich mittlerweile Null identifizieren kann (obwohl ich immer noch als Blogger Relations Manager arbeite).

Ständig bekam ich Benachrichtigungen von „Freunden“, die auf irgendwelche Events gingen, die mich selbst Null interessierten. Und die Werbung kam von Seiten, die mich ebenfalls nicht weiter berührten.

Es dauerte über vier Stunden (!) um meinen Facebook-Feed wieder auf Vordermann zu bringen. Rigoroses Aussortieren. Meiner Meinung nach die einzige Möglichkeit etwas an der Situation zu ändern.

Wir können sonst endlos über andere lästern: alles am Körper gemacht, Fotos mit Photoshop bearbeitet, drölf Filter drübergelegt. Ja, das alles mag stimmen. Ja und?

Mal ehrlich: Wir alle kennen doch Menschen, die, bevor sie das Haus verlassen, erstmal für drei Stunden im Bad verschwinden. Wenn jetzt aber jemand ein Bild auf Instagram postet und darauf perfekt aussieht, ist es verwerflich. Hmmm. Schon komisch.

Die Lebenseinstellung ist auch so eine Sache. Wenn mir jemand Lebensratschläge gibt, muss ich doch nicht darauf hören. Warum regt es dann die Menschen so sehr auf, wenn sie in den sozialen Medien Sprüche von gestylten Jungs und Mädels lesen? So richtig verstehe ich das nicht.

Anders sieht die Sache mit leeren Versprechungen aus. „Mein Online-Kurs macht Dich reich.“ oder „Vergiss Facebook, vergiss Content Marketing, mach DAS und Du wirst erfolgreich. Heute für nur 1.999 EUR!“

Irreführungen finde ich schwierig. Schließlich kann ich auch nicht behaupten „DEN besten Lippenstift“ gefunden zu haben. Es mag der für mich beste Lippenstift sein und meine persönliche Meinung bleibt eben meine Meinung. Aber Menschen mit Werbung zuzuballern und ihnen Versprechungen zu geben, die man am Ende doch nicht halten kann, ist mindestens schwierig…

Bei Social Media Stars, Influencern, Bloggern reagiert man hier sehr viel genervter. „Wie kann es sein, dass die erfolgreich ist und ich nicht? Wieso hat sie so viele Follower? Und wie zum Teufel kann sie sich so lieben wie sie ist? Ah, na klar, sie ist unehrlich, weil sie gemachte Wimpern hat!“

Und schon fühlt man sich besser.

Schließlich hat man eine Erklärung gefunden und weiß jetzt genau, dass diese schönen Menschen totunglücklich sin. Natürlich zeigt Instagram & Co. nicht das wahre Leben. Aber tun das die Freunde, die ordentlich feiern gehen, obwohl es ihnen in Wirklichkeit schlecht geht, nicht auch? Haben wir nicht alle mal einen schlechten Tag und wollen oder können nicht darüber reden? Warum meinen wir dann, dass Selbstliebe nur so oder so funktioniert aber auf keinen Fall mit aufgespritzten Lippen? Hey, vielleicht fühlt sich jemand genau DAMIT richtig wohl und hat erst darüber den Weg zum inneren Ich gefunden?

Was ich mit meiner Ausmistaktion auf den sozialen Netzwerken niemals erreichen kann, ist die Sichtweise zu ändern. Wenn ich sowieso schon so judgy unterwegs bin und alles und jeden bewerte, dann wird nie jemand etwas richtig machen können. Wenn ich Selbstliebe mit ungeschminkten Mädels auf einer Yoga-Matte verbinde, dann ist es eben ein bestimmtes Bild im Kopf. Es heißt noch lange nicht, dass im Umkehrschluss die „geschminkte Tussi“ mit dem Selfie-Stick in der Hand sich NICHT so akzeptiert wie sie ist und sich NICHT liebt.

Das Problem liegt niemals beim Content Creator selbst. Einzig und allein der Nutzer entscheidet über die Inhalte und ich behaupte mal heute noch viel mehr als früher. Durch Likes, Herzchen und Follows bekommen Social Media Stars ein ganz gutes Feedback welches Bild, welcher Text und welches Video gut ankommt. Davon produzieren sie dann mehr – klar.

Gäbe es für die Inhalte keine Abnehmer, würden diese Inhalte in Zukunft verschwinden. Merkt ihr was?

Ausgerechnet „dieses Social Media“ ist eigentlich ein ganz cooler Markt, der uns genau das gibt, was wir suchen – egal ob cat content oder Vorlesungen aus Harvard. Mit einem Entfollow ist die Sache schnell (bei mir waren es 4 Stunden) gelöst und ihr habt nur die Infos, die ihr haben wollt. Um ja nicht gestört zu werden, noch ein Tipp: folgt einfach niemandem. Lebt in eurer Blase und schaut ja niemals über den Tellerrand.

Es kann sonst passieren, dass dort ein Mädel mit 5 kg Make-up und klugen Ratschlägen auf euch wartet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.