Ein Brief an das erste Halbjahr 2020

Das erste Halbjahr dieses außergewöhnlichen Jahres 2020 ist bald zu Ende. Ein halbes Jahr voller Ereignisse und Emotionen. Kein anderes Jahr wird mir wohl so im Gedächtnis bleiben wie dieses. Und dafür möchte ich danke sagen. Aber zuerst, liebes 2020, muss ich Dir noch etwas sagen.

Ein Brief an das erste Halbjahr 2020

Ach 2020, was habe ich Dich herbeigesehnt! 2019 war schrecklich, langatmig und irgendwie öde – zumindest dachten wir das Ende Dezember letzten Jahres. Nein, wir waren wirklich der Überzeugung, dass Dein Vorgängerjahr so richtig doof und anstrengend war. Rückblickend betrachtet war es das nicht, aber das weiß man ja vorher nicht. Jetzt, ja jetzt sind wir alle schlauer. Und das, liebes 2020, ist allein Dein Verdienst.

Gleich im Januar merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmte. Die erste Woche war noch relativ entspannt. Alle hatten Urlaub oder Ferien und auch ich war viel unterwegs. Die Sonne schien und ich schmiedete Pläne für das Jahr. Ja, 2020, auch ich kann im Nachhinein darüber lachen. Du wusstest es ja von Anfang an…

Als der Januar plötzlich wie im Flug verflogen war, merkte ich, dass ich noch immer nicht mit 2019 abgeschlossen hatte, keinen Plan für das Jahr 2020 hatte und mir alles langsam aus den Händen zu gleiten schien. Aber hey, es war ja erst ein Zwölftel rum?! Alles halb so wild, oder? Oder, 2020? 2020, sag doch was? Aber Du sagtest nichts. Stattdessen kam der Februar und alle wurden langsam nervös.

Alle? Naja, fast alle. Während die Pandemie langsam den Weg zu uns fand, wurde ich schräg angeschaut, weil ich nicht mehr jeden umarmen und herzen wollte. Es war Februar als ich endlich dem Rat meiner Mama folgte und mir Mundschutz-Masken besorgte.

Gleichzeitig merkte ich, dass es immer schwieriger wurde noch bestimmte Dinge fürs Baby zu besorgen. Da lachst Du, was?

Noch bevor ich die Einladungen für die Babyshower verschicken wollte, verschlimmerte sich die Lage und mir war klar, dass es keine Party geben würde. Einen gemeinsamen Kurzurlaub habe ich verschoben. Heute frage ich mich, ob ich ihn überhaupt jemals antreten werde. Wahrscheinlich hast Du Dich da bereits schlapp gelacht.

Der März sollte mein Leben, wie ich es bisher kannte, schlagartig verändern. Meine Ersparnisse waren nur noch einen Bruchteil wert, dabei hatte ich gerade erst gelernt wie man richtig spart und investiert. Jetzt tat jeder Blick ins Depot nur noch weh. Im Fernsehen gab es nur noch ein Thema und ich durfte mich langsam aber sicher mit dem Gedanken anfreunden alleine im Kreißsaal zu landen…

Im April wurde es immer kurioser, aber wem erzähle ich das? In den ersten drei Tagen ließ mich die Angst alleine ins Krankenhaus zu gehen kaum mehr los. Als Schwangere ist man sowieso schon nicht die tapferste Person der Welt. Wenn man aber zum ersten Mal schwanger ist und gerade weltweit eine Pandemie herrscht… Wenigstens kam es dann doch anders und wir, also mein Mann und ich, durften unsere Tochter gemeinsam auf dieser Welt begrüßen. Der April war mit Abstand der beste Monat und dafür werde ich Dir, liebes 2020, auf ewig dankbar sein.

Mit einem kleinen Wesen zu Hause war es mir egal ob Clubs und Kinos offen hatten, ob man ins Museum konnte oder stundenlang durch die Läden ziehen und die neuste Mode shoppen durfte. Im April lebte ich in meiner eigenen Blase und das gänzlich ohne Schlaf.

Erst im Mai wurde es mir schlagartig bewusst: Nichts wird jemals so sein wie es vorher war. Es hatte sich alles verändert und nicht alles ist wieder rückgängig zu machen. Anfangs war es noch recht amüsant. Halb Instagram hat Bananenbrot gebacken, die andere Hälfte widmete sich dem perfekten Rezept von Zimtschnecken. Endlich wusste man wo die ganze Hefe geblieben ist… Und wahrscheinlich auch das gebunkerte Toilettenpapier.

Aber dann wurde es immer langweiliger. Weil nichts offen hatte. Weil ich endlich Sushi essen durfte, aber mir dieses durch ein winziges Fenster mit Maske und Abstand holen durfte und nicht, wie gewohnt, in einer dem Sushi angemessen Atmosphäre speisen durfte. Weil irgendwie alles nur noch „to go“ zu bekommen war und manches einfach gar nicht. Weil man schnell sein musste überhaupt in den Supermarkt zu kommen, da man sonst gänzlich ohne Lebensmittel nach Hause kam.

Und dann kam der Juni. Und die vielen Lockerungen. Und die Welt wurde wieder eine andere. Ich fragte mich, ob ich all die Wochen und Monate total bekloppt war mich nicht mit meinen Eltern und meiner Familie zu treffen und stattdessen auf „social distancing“ zu setzen. Denn anscheinend war ich die Einzige, die sechs lange Wochen lang ihre Tochter den Großeltern vorenthalten hat. Wieso? Na weil sich das doch so gehörte und Frau Merkel uns alle darum gebeten hatte.

Aber sie sprach wohl nur zu einigen wenigen, denn anders kann ich es mir nicht erklären, wieso jede noch so kleine Gruppe sich einen Hashtag auf Twitter gesichert hat und Petitionen ohne Ende erstellt wurden, um das alles nur wenige Tage später zu vergessen. Noch nie habe ich so lange Schlangen vor Eisdielen gesehen – selbstverständlich gänzlich ohne Abstand. Und eine Wiese im nahegelegenen Park, die lediglich in den Abendstunden belagert wurde, war nun von morgens bis abends voller Menschen.

Ja, liebes 2020, der Juni zeigte mir wie leichtgläubig ich doch die ganze Zeit war. Ich hatte gehofft, dass sich alle Menschen zusammentun würden und wir „dieses Corona“ gemeinsam besiegen. Immerhin gab es dazu eine Fülle von Hashtags und noch mehr neue Webseiten, die genau das suggerierten. Doch auch die gingen irgendwo zwischen all den neuen Rezepten und den wütenden Protesten gegen das Homeschooling verloren.

Dennoch möchte ich Dir, liebes 2020, danke sagen. Danke für unsere großartige Tochter. Danke für die Erkenntnis, dass nichts stillsteht und Pläne einfach nur Pläne sind. Danke, dass Du mir gelehrt hast mich auf meine Intuition und mein Bauchgefühl zu verlassen. Und für die vielen schönen Momente, die Du mir bis jetzt geschenkt hast.

Noch hast Du die Chance ein gutes Jahr zu werden und dafür hast Du, liebes 2020, genau sechs Monate Zeit. 2020 – ich zähle auf Dich!

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