Warum Instagram in Russland anders funktioniert

Instagram ist Instagram, überall gleich, so wie der Big Mac überall auf der Welt gleich schmeckt. Oder etwa nicht? In diesem Blogpost gehe ich der Frage auf den Grund und erkläre euch genau, was im „russischen Instagram“ anders ist.

Mein erstes Bild auf Instagram habe ich am 21. März 2014 gepostet. Es zeigt meine Füße. Super unspektakulär und so gar nicht instagramable. Damals gab es den Begriff übrigens gar nicht. Die App war einfach nur eine Foto-Plattform – nicht mehr und nicht weniger.

Heute frage ich mich warum Menschen, die irgendetwas zu sagen, zu verkaufen oder zu zeigen haben auf Instagram verzichten. Für mich macht es so gar keinen Sinn, aber gut, jeder sollte die für sich richtige Entscheidung treffen.

Vor etwa einem Jahr habe ich einen neuen Instagram Account gestartet und wollte dort – ganz ungezwungen, ohne Druck und ohne es jemandem in meinem Umfeld zu erzählen – Bilder posten und die Captions auf Russisch schreiben. (Wer es noch nicht weiß: Russisch ist meine Muttersprache. Ich bin auf der Halbinsel Krim geboren und kam im Alter von knapp 11 Jahren nach Deutschland.)

Soweit so gut.

Ich fing also an zu posten und habe mit dem Account „aus Versehen“ einen Nerv getroffen aus dem ein Unternehmen entstanden ist. Dazu hier und hier mehr. Nur ganz kurz zusammengefasst: Ich habe gemerkt, dass es eine Nachfrage nach Accounts gibt, mit deren Hilfe man eine Sprache lernen und mehr über das jeweilige Land erfahren kann.

Und hier begannen meine Entdeckungen. Ich entdeckte jeden Tag etwas Neues

DSGVO? – Nie gehört!

Dass die DSGVO in Russland nicht gilt, ist klar, schließlich ist es eine europäische Richtlinie. Daten werden ohne Rücksicht auf Verluste gesammelt. Gerade letztes Jahr, als das Thema so heiß diskutiert wurde, war es für mich doch etwas befremdlich.

Giveaways

Was man in Deutschland darunter versteht: Ein Unternehmen kooperiert mit einem Instagram-Account (meist Influencer) und auf dem Account wird eine Giveaway verlost (meistens).

In Russland funktioniert das System etwas anders. Zuerst werden sogenannte Sponsoren gesucht. D. h. man schreibt wahllos irgendwelche Menschen über Direktnachrichten an und bietet ihnen an Sponsor zu werden. Für eine Summe x (meistens mehrere Hundert EUR) bekommt man im Gegenzug Follower. Wie das geht? Ganz einfach: Der Organisator des Giveaways folgt mit seinem (oder einem extra dafür erstellten Account) allen Sponsoren und ruft dazu auf (meist mehrmals am Tag in den Stories) ihm dies gleichzutun.

Als ganz gewöhnlicher Instagram-Nutze folgt man also allen Accounts (oft weit über 100 von denen jeder eine Summe x für diese Möglichkeit bezahlt hat) und hofft auf einen Gewinn. Ausgelost wird meistens ebenfalls in den Stories.

Mittlerweile nimmt das Ganze unwirkliche Ausmaße an. Verlost werden eine Mercedes S-Klasse oder wahlweise 1 Mio Rubel (aktuell ca. 14.000 EUR) in bar. Ein Highlight war vor Kurzem die Verlosung eines Sängers/Rappers: Eine Miderjährige hat bei seinem Giveaway eine Mercedes G-Klasse (Mercedes ist in Russland sehr beliebt, das weiß ich spätestens seit meiner Zeit in der Marktbearbeitung Osteuropa/Zentralasien bei der Daimler AG) gewonnen. Sie war sichtlich geschockt. Aber der Gesichtsausdruck ihres Vaters, der das Auto bis zu ihrer Volljährigkeit fahren darf und sie zur Abholung begleitet hat, sprach wirklich Bände. Der Mann war in einer Schockstarre…

Es geht natürlich auch „kleiner“: kleinere Geldsummen, Beauty-Boxen und vieles mehr.

So viele Follower gibt es für das Geld

Der Veranstalter eines solchen Giveaways „garantiert“ den Sponsoren, also den Geldgebern, traumhafte Followerzahlen, die sich manchmal erfüllen (ich liebe Statistiken und Social Media Analysen!) und oft auch nicht.

Die Nutzer wiederum entfolgen solchen Accounts gleich nachdem die meisten von ihnen leer ausgegangen sind. Schließlich ist man den Account ja nur aus einem einzigen Grund gefolgt: um zu gewinnen. Hat man nicht gewonnen fällt der Grund weg und der „entfollow“-Button wird bemüht. Instagram macht es einem zunehmend leichter: Accounts, denen man folgt, können schließlich nach neueste/älteste sortiert werden. So entfolgt man einfach den 100 (oder mehr) neuesten Accounts und gut ist. Auf zum nächsten Giveaway und zur nächsten Chance auf das ganz große Glück.

Aber Russen wären nicht Russen wenn sie nicht auch dafür gleich eine Lösung gefunden hätten: In einem Instagram-Kurs (und die gibt es zuhauf, nicht wie in Deutschland einen einzigen mehr oder weniger bekannten von Caro Preuss) ging es um die Frage, wie man dieser „Entfolgen“-Aktion als Sponsor entfliehen kann. Einfach mal den Account auf inaktiv schalten und 3-4 Tage warten. Die meisten Follower entfolgen nämlich gleich NACH dem Giveaway. Taucht man in der Zeit (also am selben bzw. nächsten Tag) nicht in der Liste auf, wird einem auch nicht entfolgt. So einfach ist das.

Dass diese Praxis von Instagram nicht unterstützt wird (gelinde gesagt), ist klar. Deshalb werden für solche Giveaways oft mehrere neue Accounts angelegt. Instagram sperrt zwar einen nach dem anderen auf sie tauchen noch schneller wieder auf. Ganz ehrlich: Wie schnell ist ein neuer Account angelegt? In drei Minuten vielleicht?

Danach muss man in seinem Stories nur noch mitteilen, dass es einen neuen Account gibt und man jetzt diesem (und all seinen Followern, also den Sponsoren) folgen muss und gut ist.

Übrigens wird das Veranstalten von Giveaways ernsthaft als eine seriöse Einnahmequelle empfohlen. Blogger und Influencer antworten offen und ehrlich darauf wie sie mit Instagram Geld verdienen. So ziemlich alle „großen“ Instagrammer in Russland veranstalten eigene Giveaways oder organisieren diese für andere „noch größere“ Instagrammer.

Und selbst richtig gute, ernstzunehmende Instagram-Experten raten zu Giveaways oder nehmen selbst als Sponsor teil. In Deutschland unvorstellbar.

Online Kurse, Webinare, Intensiv(s)

Kaum ein Instagram Account, das nicht zum Verkauf von irgendetwas genutzt wird. Man ist Experte/Expertin für dies oder jenes, führt Webinare durch, hat einen eigenen Online-Kurs am Start oder berät über Telefon bzw. Skype.

Es ist der helle Wahnsinn!

Anfangs war ich von all dem Angebot überfordert. Nachdem ich ein paar Online-Kurse gebucht, Webinare angesehen und e-Books gekauft habe, war ich enttäuscht. Enttäuscht von den „Experten“ hierzulande.

Ich hatte schon immer eine Vermutung, dass die meisten Trends aus den USA erst nach Russland und China schwappen und erst über diese Länder zu uns kommen. Anders kann ich es mir nicht erklären.

In einem Online-Kurs, der drei Stunden dauert, komme ich mit dem Schreiben nicht hinterher. Ich bin nur am Screenshotten und am parallel wie wild am Tippen (und das heißt was, denn ich war schon immer wirklich sehr gut im Schnellschreiben/tippen) – komme aber trotzdem nicht nach und muss mir jeden Kurs und jedes Webinar mindestens 2x ansehen. Keine langen Videos vor jeder Sequenz. Kein langes Intro. Einfach nur Infos, Beispiele und Belege am laufenden Band.

Zu Beginn war ich tatsächlich sehr überfordert. Aber mittlerweile, also nach einem Jahr, bin ich im Thema. Ich weiß wer was anbietet und welches „Intensiv“ wann beginnt.

Copywriter, Fotograf und drei Assistenten

In etwa so sieht jede Payroll eines jeden noch so kleinen Bloggers aus. Mit 50-100 Tausend Followern ist man noch ein „kleines Licht“. Während in Deutschland schon ab ca. 3.000 Followern kostenlose Produkte und teilweise auch bezahlte Aufträge angeboten werden, kann darüber in Russland jeder nur müde lächeln.

Ist man aber ein „kleiner Blogger“ mit seinen 100k an Followern, beschäftigt man einen Copywriter, der AUSSCHLIEßLICH für die Texte verantwortlich ist, einen Fotografen, der NUR Fotos schießt, einen Videografen, der NUR… – ihr versteht. Jeder Euro, ähm, Rubel wird in den Instagram Kanal reinvestiert.

Nur zum Vergleich: In Deutschland werde ich gebucht, um sowohl die Accounts zu führen, mit Content (Foto, Video, Text) zu bespielen und auch noch Werbung dafür zu schalten. Kann ich, alles gut. Aber versteht ihr was ich meine? In Russland würde man niemals einen Copywriter engagieren, der auch noch Facebook oder Instagram Werbung schaltet. Bei uns gibt es den Beruf des Social Media Managers und der muss noch Einiges mehr können. Aber am Ende sind das Generalisten, keine Spezialisten.

Fazit

Nicht falsch verstehen: Ich finde keins der Systeme besser oder schlechter. Ich will euch nur zeigen, dass es eben nicht „das eine Instagram“ gibt. Nicht alles was hierzulande gemacht wird ist legal (nach den AGBs von Instagram oder DSGVO-konform) und nicht alles, was in Russland Usus ist, ist illegal.

Genauso wie nichts nur schwarz und weiß ist. Es gibt überall Dinge, die hier oder dort besser oder schlechter gemacht werden. Aber dass es solche Unterschiede (übrigens auch in der Nutzung von Instagram selbst) gibt, war für mich anfangs ein Schock in der Zwischenzeit eine Riesenmöglichkeit.

Würden Russen Instagram genauso nutzen wie es hierzulande genutzt wird, hätte es mein StartUp BUREAUlingo niemals gegeben. Aber genau dieser Unterschied, diese Vielfalt und natürlich meine Sprachkenntnisse eröffnen mir ungeahnte Möglichkeiten.

Falls ihr mehr über Instagram in Russland wissen wollt, dann seit ihr herzlich zu meinem Social Media Workshop am 15. Juni im Wohnzimmer in Fürth (hier geht´s zum Artikel darüber) eingeladen. In dem Workshop zeige ich euch alle Möglichkeiten des Selbstmarketing (vor allem für kleine und mittlere Unternehmen geeignet), selbstverständlich im Rahmen des Gesetzes, auf. Ich freue mich auf euch!

Habt ihr Fragen zum „russischen Instagram“, wie ich es nenne? Dann schießt los! Gerne könnt ihr mir jederzeit eine E-Mail schreiben.

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